Weihnachtliches aus Lissabon

(gesendet am 16. December 2008)

Guten Abend allerseits,

jetzt kommt noch eine späte Meldung aus Lissabon. Nachdem ich die erste Hälfte der vergangenen Woche kränkelnd verbracht hab, gibt’s davon nichts zu erzählen. Hoch her ging es erst wieder am Donnerstagabend und dann am Wochenende, weil Pramod und Charu von ihrer Hochzeit in Indien zurückgekommen sind. Und für mich gabs einen Teller voll indischer Knabberspezialitäten. Da könnt ich mich immer reinlegen, so gut ist das. Alex, der mit den beiden in Indien war, hat (nach eigener Aussage) auch gehörig zugelegt, weil sie scheinbar kaum was anderes gemacht haben, als zu essen.

Ich hab am Samstag meinen ganzen Mut zusammengefaßt und mich selbstlos und ohne Furcht in das Weihnachtsgewühle im Colombo gestürzt. Ziel der Mission: Ein Raclettegrill. Eigentlich wollte ich ja erst ein Restaurant reservieren, aber man hört da am Telefon immer, wie den Leuten der Kinnladen runterfällt, wenn man für den Heiligen Abend was reservieren will. Also gibt’s eben ein Raclette; das haben Melli und ich so beschlossen. Und deshalb auch mein aufopfernder Einsatz im weihnachtlichen Kampfgewühl im größten Einkaufszentrum der iberischen Halbinsel.

Das Nette ist die Einkaufskultur, die einem hier über den Weg läuft. Eltern mit ihren Sprößlingen, die ungeniert den Kindern die leichteste Illusion des Christkinds nehmen, indem sie diese zu nahezu kilometerlangen Regalen führen, gefüllt mit koreanischen Ramschspielzeugen, wo der Nachwuchs dann die Einkaufswagen füllt. Nach der Kasse zieht man dann eine Nummer am Stand mit dem Geschenkpapier, wo die vollkommen unromantisch eingekauften Geschenke vor den Augen der Sprößlinge auf lieblose Weise in horrend gestaltetes Papier gehüllt werden, auf dem in Riesenlettern „Continente“ steht. Prost Mahlzeit! Wer sich freut, ist die Wirtschaft, und der Trubel straft allen Unkenrufen zum trotz die Presseberichte des anstehenden Kollaps lügen.

Und ich steh dabei und frag mich, ob das nicht mehr üblich ist, seine Kinder zu überraschen. Wunschzettel für das Christkind zu schreiben. Oder, weil wir grad dabei sind, Qualität herzuschenken. Vermutlich bin ich zu altmodisch, aber mir behagt die Vorstellung nicht, daß das einzige, was diese Kinder an Weihnachten wirklich überraschen wird, die Watschn ist, die sie von ihren Eltern kassieren, wenn das koreanische Plastikauto beim ersten Spielen hilflos auseinanderfällt.

Schlußendlich, ums gleich vorwegzunehmen, war die Mission dann auch von Erfolg gekrönt. Aber um welchen Preis! Da es ja im Pingo Doce schon seit Wochen weihnachtlich dudelnd aus den Lautsprechern schallt, sollte man annehmen können, allmählich für die Kraftbeschallung im Colombo gerüstet zu sein, aber nichts da. Hier wird einem Hosianna um die Ohren geschlagen, daß nicht nur die Glocken der Englein klingeln, und das sattsam bekannte „Jingle Bells“ könnten sie allemal langsam umbenennen in „X-mas sales“.

Den Vogel abgeschossen haben dann am Ende die Bettler in der U-Bahn. Nicht genug, daß ich erleben durfte, wie sich die Blinden die Klinke in die Hand drücken, nein, sogar gestritten wird darum, wer jetzt gerade den U-Bahn-Wagen abgrasen darf. Den samstäglichen Höhepunkt hat aber einer der Zieharmonikaspieler mit seinem Hunderl auf der Schulter gebildet. Anstatt schwermütiger portugiesischer Weisen hat er nämlich, wie sollte es auch anders sein – die nur noch schwer erträglichen jingling bells ein weiteres Mal aus dem Folterkabinett der adventlichen Weisen geholt.

Irgendwie klappt das so nicht, die Leute aufzumuntern, denen die Kinnladen ihrer Trauerminen so weit herunterhängen, daß sie aufpassen müssen, nicht darüberzufallen. Daß da noch keiner durchgedreht ist, wundert mich. Wir müssen alle Masochisten sein, daß wir sowas aushalten.

Oder vielleicht läßt sich doch deshalb niemand aus der Ruhe bringen, weil im Grunde genommen jeder das Fest der Liebe im Herzen hat?

Ich wünsch Euch eine schöne Woche. Paßt auf Euch auf. Lächelt. Und nehmt Ohropax mit.

Euer Anderl