Ortsansichten aus zwei Ländern, oder: Wenn einer sich entscheiden muß

(gesendet am 10. July 2011)
Guten Abend liebe Abonnenten der überaus sporadisch erscheinenden Heimatpost,
 
die Gelegenheit eines freien Abends sowie verschiedene erwähnenswerte Vorkommnisse der vergangenen Wochen am Schopfe greifend, möchte ich die Gelegenheit an selbigem packen, Euch ein paar neue Geschichten aus unserer Wahlheimat zu erzählen. Die, wie ich anmerken möchte, eine temporäre Wahlheimat ist. Was als Hinweis darauf zu werten ist, daß wir nicht ewig hier sein werden. Denn davon abgesehen, daß Portugal viiiiiel mehr zu bieten hat als zum Beispiel Frankreich (siehe http://www.360portugal.com) als Urlaubsland für spontan gebuchte Kurz- oder auch etwas Länger-Trips, habt Ihr hier auch noch den Vorteil, daß schon jemand da ist, der sich über einen Besuch wirklich freut.
 
Zumal wir wieder einen großen Schritt hin zur echten Integration gemacht haben: Als Melli und Anna vorige Woche beim Einkaufen zufällig unseren Nachbarn getroffen haben, haben sie diesen mit zum Fischmarkt begleitet, wo Melli dann in einer sagenhaft spontanen Aus-dem-Bauch-heraus-Entscheidung eine Tüte fangfrische Sardinen mitgenommen hat. Diese wurden unter Anleitung unserer Nachbarin fachmännisch ausgenommen und dann abends gegrillt. Und ich kann Euch sagen (und das klingt jetzt vielleicht für die, die Portugal leider noch nicht kennen, etwas komisch, ist aber völlig ernst zu verstehen), daß das für mich ein denkwürdiges Ereignis war, als der unheimlich nationalportugiesische Geruch von gegrillten sardinhas aus dem Garten vom eigenen Grill sanft zur Balkontür hereingewehte. Da geht einem als integrationswilligem Ausländer das Herz auf. Außerdem schmecken die Sardinen auch noch klasse, und zweimal so gut, wenn sie vom eigenen Grill kommen, und das zu Fischmarkt- und nicht Touristenpreisen.
 
Nichtsdestotrotz zieht es uns, wie bereits angemerkt, in die Heimat zurück. Dank meines Berlinbesuchs vor knapp zwei Wochen wissen wir nun zwar, daß in Deutschland in einigen Sparten eher auf das Alter als die Berufsqualifikation geschaut wird, und die Bezahlung miserabel ist, aber, wie Melli immer sagt, lernen wir ja momentan, bei mit München vergleichbaren Lebenshaltungskosten mit einem portugiesischen Doktorandenstipendium eine dreiköpfige Familie durchzufüttern, und so kann uns das Abenteuer Deutschland nicht wirklich abschrecken. (Der Fairneß halber muß ich aber dem letzten Satz hintanstellen, daß nicht als pauschalisierende Gesamtaussage für den kompletten Arbeitsmarkt zu werten ist. Einige Firmen Großunternehmen waren durchaus mit eintönigen HR-Droiden auf dem Kongreß vertreten, aber dank vieler anderer äußerst positiver Signale aus dem Mittelstand wurde die Veranstaltung ihrem Ziel, Geschmack an der Rückkehr zu wecken, absolut und zu hundert Prozent gerecht. Jedenfalls wir kommen.)
 
Mit ein Grund dafür ist auch die wachsende Sammlung an verzichtbaren Erfahrungen mit dem portugiesischen Verwaltungsapparat. (Ich erlaube mir, vorab anzumerken, daß ich Ähnliches auch schon zum Beispiel in der Staatskanzlei in München erlebt habe, aber darum geht es hier nicht.) Neuestes Verdrußbeispiel ist der Bewerbungsprozeß um das portugiesische Kindergeld. (Vom Familiengeld wußten wir schon, daß wir es nicht erhalten würden, weil mein Stipendium zu hoch ist. Für drei Leute. Daran merkt man, daß der Staat pleite ist: Seit zwei Jahren werden jeweils zum ersten Januar die Mehrwertsteuersätze erhöht, und zwar z.B. für Sport (Fitneßstudio, Schwimmunterricht, usw.) von 6 % auf 23 % (während der Besuch von Fußballspielen im Stadion weiterhin mit 6 % besteuert wird, und als Reaktion von Protesten auf diesen Sachverhalt die Steuer auf die Ausübung eines Sportes auf 5 % gesenkt wurde – nämlich Golf), wohl um Sokrates seine Abwahl zu vergolden. Als Ausgleich dafür wurde dann die Bedürftigengrenze gesenkt.
 
Na gut, aber jetzt zu unserem Kindergeldantrag. Melli geht also mit der Anna zur Sozialversicherungsstelle; wir hatten unsere Unterlagen im Gegensatz zu so vielen schon im Internet gefunden und ausgefüllt. Also konnten wir uns schon einen Besuch sparen. Melli gibt also die Dokumente alle ab, unter anderem eine Kopie des Reisepasses unserer Anna, wo ja drinsteht, daß sie in Lissabon gebürtig ist. Zwei Wochen später kommt ein Zettel, wo draufsteht, daß wir doch bitte noch Annas Meldebescheinigung nachreichen sollen, sonst würde der Kindergeldantrag ungültig. Wir haben dann schon spekuliert, ob wir das Kindergeld wohl erhalten würden, denn sonst hätte ja kaum jemand um die Nachreichung von Unterlagen gebeten, deren Beschaffung absolut nicht gratis ist. Also habe ich mich auf den Weg zur Câmara Municipal, der Stadtverwaltung von Lissabon gemacht, um die Meldebescheinigung zu erhalten und mein Verwaltungshonorar zu entrichten. Nach einer halben Stunde Wartezeit hieß es dann, ich könne die Bescheinigung nur erhalten, wenn ich meine Tochter mitbringe. Erklärungsversuche mit Reisepaß (erinnert Ihr Euch an die Bemerkung von oben mit dem Geburtsort?) und so weiter wurden abgeblockt, und, wie in dieser Situation üblich, auf EU-Richtlinien verwiesen. Also wieder retour, Anna ins Auto, zurück zur Câmara, wieder eine halbe Stunde warten, und dann, ohne Anna einer eingehenden Inspektion zu unterziehen, durfte ich die Bescheinigung mitnehmen, deren Erstellung aufgrund der Tatsache, daß ich schon seit ewig in Lissabon gemeldet bin, keine Minute dauerte. Nicht zu vergessen den Obolus, den ich zu entrichten hatte. Das wird später noch wichtig. Alles in allem also ein dreiviertelter Arbeitstag aufgewendet, dazu Benzin und Gebühren, um unsere damals ca. drei Monate alte Tochter offiziell in Lissabon anzumelden. Tags darauf ging es dann wieder zur Sozialversicherung, die die Bescheinigung ordnungsgemäß ablichteten und uns eine Empfangsbestätigung der Kopie aushändigten. (Ohne Papier geht hier auf den Ämtern gar nix. Wir haben schon einen halben Baum allein an Empfangsbestätigungen zu Hause.) Anschließend: Gar nix. Keine Reaktion. Drei Wochen Funkstille von Seiten der Sozialversicherung. Und dann: Ein Ablehnungsbescheid, weil ich „zu viel” verdiene. (Wieviel das ist, kann man im Internet bei der FCT nachlesen; ist ein gewöhnliches portugiesisches Doktorandenstipendium. Und die Lebenshaltungskosten in Lissabon findet man auch im Internet. Kleine Anmerkung meinerseits: Versucht, nicht die Suchmaschine mit dem G am Anfang zu verwenden, denn die Leute dort sind schon lange nicht mehr die Guten.)
 
So, jetzt frag ich mich: Kann man das nicht sagen, bevor man die Leute auf Schnitzeljagd in den Behörden schickt, wo sie außer Zeit auch noch ihr knappes Geld verlieren? Heißt das, wenn ich mich bei der Sozialbehörde um finanzielle Unterstützung bewerbe, automatisch schon, daß ich allein aufgrund der Tatsache, daß ich mir diesen Firlefanz antue, schon so betucht bin, daß ich die Kohle nicht brauche? Hier ist also einer der portugiesischen Gründe, warum wir letztendlich wieder nach Deutschland zurück wollen. Oh, mir ist klar, daß das in Deutschland nur anders ist und nicht besser, aber da bin ich wenigstens sprachgewandt genug, um dem Amtsschimmel die Stirn zu bieten und nicht als mickriger Bittsteller alles anzunehmen, was mir vor den Latz geknallt wird. Außerdem muß man sagen, daß diese Situation wie geschildert hier nur auf die öffentliche Verwaltung und Banken zutrifft (meiner Erfahrung nach); der Durchschnitt der Leute auf der Straße hier ist, das muß man den Portugiesen zugestehen (und wenn der eine oder andere Leser Probleme mit dieser Aussage haben und mich als Nestbeschmutzer sehen sollte, bitte ich an dieser Stelle um Diskussion per eMail oder Telefon), offener und freundlicher als z. B. der Durchschnitt der Leute, die in München unterwegs sind.
 
Genug für heute. Um eine lange Rede am Schluß in den richtigen Kontext zu rücken: Man kann vieles nicht schreiben, was verbal formuliert kein Problem darstellt. In einseitiger Newsletter-Kommunikation ist Neutralität ein und alles, und es ist äußerst schwer, auch nur annähernd mehr zu schildern als Ausflugserlebnisse, wenn man das alles nicht anonym macht. Ich habe für den letzten Absatz eine halbe Stunde gebraucht, und bin mir über die politische Angemessenheit einiger Sätze immer noch nicht im klaren. Das Internet ist ein Segen, aber jeder, der nach mir sucht, findet auch die Heimatpost. Selbst, wenn man über einen Sachverhalt wie die unterschiedlichen Aspekte von zwei verschiedenen Ländern eine ausgewogene Meinung hat (und ehrlich, eine andere als eine ausgewogene Meinung ist nicht möglich, weil hier, wenn man nicht alles ins Detail herunterbricht, Kiwis mit Gabeln verglichen werden), kann man das in schriftlicher Form gar nicht so darstellen, daß nicht die eine oder andere Seite beleidigt wäre und sage würde, „Warum seid ihr dann noch hier?”, beziehungsweise, „Warum wollt ihr dann zurückkommen?”
 
Ich wünsche Euch allen (und auch denen, die, vielleicht erst in Jahren, übers Internet auf diese Ausgabe der Heimatpost stoßen) eine schöne Woche und schicke Euch viele Grüße von mir und meinen Mädels aus Lissabon!
 
Euer Anderl