Was Schnee mit Hydrodynamik zu tun hat

(gesendet am 10. May 2011)

Guten Abend miteinander,

hier kommt wieder eine kurze Meldung aus Lissabon. Für alle, die darauf warten, kann ich gleich vorweg bekanntgeben, daß es mit der Arbeit endlich wieder auch motivationstechnisch klappt, denn vorige Woche war die schon lange überfällige Besprechung mit meinem Prof. Jetzt habe ich Arbeit ohne Ende, was aber durchaus erfreulich zu werten ist.

Mein gegenwärtiges Projekt verlangt es, über Hydrodynamik bescheid zu wissen, und es fühlt sich wirklick so an, als ob das eine tote Wissenschaft wäre, die seit einem halben Jahrhundert nur noch davon lebt, daß jeder jeden zitiert, ohne aber wirklich die zugrundeliegende Literatur gelesen und verstanden zu haben. Die namhaften Werke stammen von Leuten wie Sir Horace Lamb, der sein Buch über Hydrodynamik 1892 geschrieben hat, und sogar die neueste Fachliteratur (ein Buch von John Newman von 1977), von der man halbwegs sicher sein kann, daß sie fehlerfrei ist, bezieht sich auf Fundamentalwerke von Gustav Kirchhoff und anderen, die locker ihre 150 bis 200 Jahre auf dem Buckel haben, und von denen man von Glück sagen kann, wenn sie nicht in Latein veröffentlicht wurden.

Bevor mir jetzt jemand wegen der „toten Wissenschaft” ins Gesicht springt: Natürlich wird hier viel und zeitnah veröffentlicht. Was aber die Grundlagen angeht, beziehen sich alle Veröffentlichungen, die ich bisher in diesem Bereich gesehen habe, auf hinsichtlich ihrer Quelle kaum nachvollziehbare Behauptungen, deren Irrpfaden man tage-, ja wochenlang hinterhertaumeln kann, ohne etwas anderes zu ernten als Kopfschmerzen und ein Jucken am Hinterkopf, das man nicht wegkratzen kann.

In einem Buch über Grundlagen des Schiffbaus habe ich heute auch einen langen einleitenden Kommentar darüber gesehen, daß es wohl nicht sicher ist, ob es sich hier um Kunst oder eine Wissenschaft handelt. Wenn das ganze Gebilde also in den nächsten Monaten wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen sollte, weil jemand herausgefunden hat, daß das Marineingenieurswesen seit fünfzig Jahren auf Sand baut, wißt Ihr hiermit, wer am Zusammenbruch schuld ist.

Davon abgesehen ist hier aber alles bestens. Unserer Anna kann man beim Wachsen direkt zusehen, und die Fortschritte, die sie täglich in allen möglichen Bereichen macht, sind enorm. Momentan sieht es danach aus, als ob sie die Krabbelphase überspringen und direkt das Laufen anfangen wollen würde. Spannende Zeiten also.

Gestern abend waren wir bei unserer Nachbarin zum Abendessen eingeladen; primär sicherlich wegen der kleinen Anna. Die dann auch prompt die Gelegenheit nutzte, um ihr Gesangstalent zum besten zu geben, und das nicht, wie von Sr.³ Conceição sonst gewohnt, durch einen Boden und mehrere Wände gedämpft.

Zu guter Letzt ein Wort zum Wetter: Hier ist es naß und kalt, meistens jedenfalls. Diejenigen von Euch also, die die letzten dreieinhalb Jahre nicht für einen Besuch genutzt haben, haben damit Pech gehabt. Böse Zungen behaupten, daß Portugal jetzt so arm ist, daß es sich nicht einmal mehr gutes Wetter leisten kann, aber wenn das der Fall wäre, müßte Griechenland schon seit Monaten im Schnee versinken. Nelson behauptet, daß es eher so ist, daß die Schulden für das gute Wetter im letzten Jahr jetzt abbezahlt werden müssen. Vermutlich kann nur die Zeit zeigen, was davon richtig(er) ist…

Viele liebe Grüße aus Lissabon,

Euer Anderl