Herbstferien

(gesendet am 11. November 2010)
Sodala,
 
nachdem mir Matlab mittlerweile in solchem Maße zum Hals heraushängt, daß ich beim Aufstehen vom Bürostuhl darüberstolpern würde, habe ich beschlossen, den heutigen Tag mit einer Pause zu beginnen und meine Tippgeschwingigkeit im Neo2-Tastaturlayout mit dem Schreiben der Heimatpost zu neuen Höchstformen zu trainieren.
 
Wir haben einiges erlebt in den vergangenen beiden Wochen, von dem es sich rentiert, es einigermaßen detailliert aufzuschreiben. Noch vor dem Besuch von Andrea und Marco (ist das schon wieder eine Woche her?!) waren wir in einem Jazzkonzert in der evangelischen Kirche von der Gruppe Flauta & Phona. Melli war nicht ganz so angetan von ein paar der Stücke, hat aber den Schlagzeuger ausdrücklich gelobt, und mir hat’s sowieso Spaß gemacht.
 
Ein paar Stunden später schon, das heißt, am nächsten Tag in der Früh, hatten wir dann den nächsten Fototermin mit dem Nachwuchs, der sich diesmal sogar in orangefarbenem 3D gezeigt hat. Und am Sonntag gabs einen Aufritt mit dem Kirchenchor, der deshalb erwähnenswert ist, weil wir ein russisches und ein afrikanisches Werk zum Besten gaben, und keiner wußte, ob die Aussprache authentisch ist. Das Gute an so etwas ist: Das Publikum weiß es auch nicht.
 
Dann, genau heute vor zwei Wochen, kamen Andrea und Marco in Lissabon an für einen einwöchigen Besuch, und bei der Gelegenheit konnte ich dann auch dem IST für ein paar Tage den Rücken kehren. Wir haben viel erlebt, und vor allem auch Dinge gesehen, die wir Exilanten auch noch nicht kannten.
 
So haben wir uns erst durch die Innenstadt Lissabons und dann durch die „Fleischflatrate” beim Churrasco gekämpft, und haben uns Lissabon bei Nacht vom Miradouro da Nossa Senhora do Monte aus angeschaut, nachdem wir Nepalesisch gegessen hatten. Wir sind vorm Regen in die Pastellaria in Belém geflüchtet, und danach, weil der Regen nicht aufhören wollte, auch gleich noch in den Palácio de Ajuda, bevor über das Gelände der „Weltausstellung” von 1940 mit dem Seefahrermonument und dem Torre de Belém spazierten und dem Hieronymuskloster einen Besuch abstatteten.
 
Damit war dann sowohl der Regen als auch das essentielle Pflichtprogramm für den erstmaligen Lissabonbesucher vorüber, und es ging am nächsten Tag raus nach Sintra (für mich zum ersten Mal vom Bahnhof am Rossio aus) zum Palácio da Pena (dem „portugiesischen Neuschwanstein”) und dem dazugehörigen Park; beides Sehenswürdigkeiten, die ich auch noch nicht kannte.
 
Dank der Flexibilität mit dem Auto haben wir auch am nächsten Tag die Stadtflucht fortgesetzt, und sind vom Cabo Espichel über die Saurierspuren an der Klippenwand und die Burg von Sesimbra in den gleichnamigen Ort gefahren, wo ich bei einem Teller Venusmuscheln alte Seemannsgeschichten zum Besten geben konnte – von Feldversuchen natürlich. Der Tag fand dann seine Krönung darin, daß wir noch mit der Fähre von Setúbal nach Tróia übersetzten; von Oliver schon oft empfohlen, aber bisher noch nicht geschafft.
 
Den letzten kompletten Ferientag haben wir dann vormittags auf dem Expogelände verbracht und mit einem Stück Alentejo-Schwarzwildschinken abgeschlossen, bevor wir dann nach Cascais aufbrachen, wo wir im Park den Pfauen beim Fliegen zuschauen konnten, bevor wir in Mellis und meinem Lieblingsrestaurant an der Estrada da Boca do Inferno den Urlaub (auch meinen) beendet haben. Und ein bißchen schwer fiel es mir dann schon, die beiden am nächsten Tag in den Flieger zu setzen, ohne selbst auch einzusteigen…
 
Allerdings gab es nur zwei Tage darauf recht viel zu tun, da wir unsere Habseligkeiten von der alten WG in unsere neue Wohnung räumen mußten, und die Aufgabe, einen Mercedes Vito durch die zugeparkten Straßen Lissabons zu schleusen, ließ keinen Raum mehr für soetwas wie Heimweh. (Oder Konversation oder Fußgänger auf Zebrastreifen, um genau zu sein.)
 
Nächstes Mal gibt’s dann Neuigkeiten vom Weihnachtsbasar. Liebe Grüße und allen ein schönes und nach Möglichkeit Matlab-freies Wochenende,
 
Euer Anderl