Beschlossen ist: Es ist mir wurscht

(gesendet am 7. July 2010)
Servus beinander,
 
und zuverlässig wie der Apfel in Schneewittchen jedes Mal auftaucht, wenn man das Märchen liest, bin ich wieder mehr als eine Woche überfällig mit meiner Heimatpost. Doch aus der Abwesenheit im gesellschaftlichen Leben wurde nun eine Abstinenz von der Arbeit, weil mir am Sonntag auf der Konferenz „Ciencia 2010“ sowas von der Kragen geplatzt ist und am Montag zu befürchten stand, daß in Bälde Einrichtungsgegenstände am Institut in Mitleidenschaft gezogen würden. Also hab ich den gestrigen Dienstag als Wochenende deklariert, und einen dieser überaus raren Faulenzertage eingelegt, ohne jemandem was zu sagen, den Computer einzuschalten, oder gar zu arbeiten. Und was soll ich sagen: Der Kompaß ist frisch justiert, ich hab die Ruhe weg, und nicht mal die Tatsache, daß ich eigentlich seit 39 Minuten in einer Besprechung sitzen sollte, an die wie jeden Mittwoch kein Mensch denkt, kann mich aus meiner guten Laune reißen. Was es zu lernen galt, war, nicht mehr zu bitten, sondern zu fordern. Was menschlich sicherlich nicht ganz einwandfrei ist, aber graue Haare hat mir das Promotionsstudium schon beschert, und ich will nicht auch noch ein Magengeschwür bekommen. Es ist eigentlich erschreckend, daß man anders offensichtlich nichts erreicht (das haben die letzten drei Jahre gezeigt), doch als ich am Sonntag das große Verbalkaliber ausgepackt und um mich geschossen habe, stellte sich heraus, daß alle tun, was man möchte, wenn sie das Gefühl haben, das Gegenüber nimmt aufgrund seines fordernden Verhaltes eine viel höhere Gesellschaftliche Stellung ein. Entweder das, oder es war mein Aussehen, da ich die letzten Monate im Fitneßstudio bis zum Muskelversagen trainiere, weil ich sonst das ganze Adrenalin nicht mehr loswerde, das sich tagsüber so aufstaut – nun sehe ich aus wie Schwarzenegger im Quadrat, und vielleicht haben die Leute jetzt einfach Angst vor mir. Aber mir soll’s recht sein, solange es hilft.
Spaß beiseite: Nach dem Ärger der vergangenen Wochen und den mit monotoner Regelmäßigkeit durchgearbeiteten Wochenenden und Feiertagen hat der gestrige Tag enorm gut getan, um wieder den breiten Überblick zu bekommen. Das Abschlußprojekt der letzten Vorlesung wäre heute fällig, aber Prof. Oliveira hat erstaunliches Entgegenkommen gezeigt und Verständnis dafür, daß von mir verlangt wurde, mich auf andere Dinge als das Projekt zu konzentrieren. Somit muß ich es heute nicht abgeben und vorstellen, sondern ich konnte es vertagen auf das nächste Mal, wenn die Vorlesung gehalten wird, und das ohne die Vorlesung noch einmal besuchen zu müssen. Mein Verdrußpaper für die IAV verstaubt nach wie vor auf António’s Schreibtisch, aber das ist mir mittlerweile so egal, daß es mich nicht mehr raus der Fassung bringen kann.
 
Meine Finanzierung, gegenwärtig ein Marie Curie-Stipendium der EU, läuft Ende Juli aus (eigentlich wollte ich jetzt fertig sein!), und heute ist tatsächlich ein Schreiben meines Doktorvaters gekommen, wonach meine Weiterfinanzierung gesichert ist. Was unter Umständen auch daran liegt, daß ich den Leuten am Sonntag verraten habe, sie wegen Ungleichbehandlung europäischer Bürger vor das europäische Verfassungsgericht zu zerren…
 
Aus freizeittechnischer Sicht hat sich nicht so besonders viel getan seit der letzten Ausgabe. Wir hatten eine indische Party in unserer WG, weil Charu nach einem Jahr in Australien auf Besuch gekommen ist, das ökumenische Sommerfest der beiden deutschen Kirchengemeinden, bei dem Melli und ich den Kirchenchor bereichert haben, und Gott sei Dank unseren ersten Strandausflug in diesem Sommer letzten Samstag. Gerade habe ich mich von Aras dazu überreden lassen, heute abend tatsächlich das Fußballspiel anzuschauen – unter streng technischen Gesichtspunkten natürlich, weil ich nur wissen möchte, wie das ist, wenn sowas in 3D übertragen wird. Außerdem werde ich versuchen, die Vuvuzelas mit meiner Mangueira niederzublasen (das ist ein Gartenschlauch mit einem Trichter am einen und einem Trompetenmundstück am anderen Ende).
 
Melli ist seit Sonntagabend in Beja und kommt heute Nacht wieder von den Feldversuchen (im wahrsten Sinne des Wortes „Feld“) zurück. Hoffentlich ist es dort auszuhalten; in Lissabon selbst haben wir seit Sonntag Temperaturen von über 40 Grad, und angeblich kann man dann für die Regionen im Alentejo locker nochmal was draufaddieren. Zudem ist dort die Luft trockener als hier an der Küste. Erstaunlich ist auch der Wind, der manchmal wärmer ist als die Umgebungsluft.
Dann noch eins: Danke für alle Eure eMails, die ich in den letzten drei Wochen nicht gelesen und beantwortet habe. Aus magengeschwürvermeidungstechnischen Gründen werde ich ab sofort Teile meiner Arbeitszeit dieser Tätigkeit widmen. Nachdem es sich so eingerenkt hat, daß die Arbeitszeit ungefähr fünfundzwanzigeinhalb Stunden täglich beträgt, in der üblichen 9-Tage-Woche, habe ich somit sehr viel Gelegenheit, Magengeschwüre zu vermeiden. Und auch das eine oder andere graue Haar.
 
So, das war’s von meiner Seite. Eventuell gibt’s nächste Woche wieder ein paar Fotos von dem Fußballanschauereignis heute abend und einem weiteren Strandausflug, damit Ihr auch seht, wie gut wir’s hier haben.
 
Es grüßt Euch in altgewohnter Weise, aber mit einem bisserl mehr an Wurschtigkeit gegenüber dem Arbeitsleben,
 
Euer Anderl aus dem Lissaboner Exil