Gemischtes aus Portugal

(gesendet am 10. May 2010)

Einen guten Abend allerseits.

Nach mehrwöchiger Zwangspause melde ich mich wieder zurück, nur um Euch gleich mit der Frage zu konfrontieren: Why do British brass bands generally have such a horrible vibrato sound? Der Grund für diese Frage, der Grund, sie auf Englisch zu stellen, und nicht zuletzt die Frage danach, was ich denn die letzten Wochen getrieben habe, anstelle meine Zeit der Heimatpost zu widmen, wird -- wie vieles andere auch -- in den nächsten Absätzen erörtert werden. Wenn Ihr außerdem wissen wollt, was das alles mit Bananen, Muttertagsrosen für meine Frau und dem Monolithen aus Arthur C. Clarke's "2001: Odyssee im Weltraum" zu tun hat, seid Ihr hier goldrichtig. Das Weiterlesen wird außerdem all jenen wärmestens empfohlen, die nach den endlosen Jammertiraden vergangener Ausgaben endlich einmal ein Loblied auf die portugiesische Bürokratie hören wollen (das ich im Übrigen allerdings im Refrain in Moll singen werde). Abgeraten wird der Genuß dieser Ausgabe denjenigen unter Euch, die allerdisch auf Erzählungen von Sommer, Strand und Sonnenbrand reagieren.

Wir beginnen mit dem Anfang. Dieser fällt für heute auf das vorvorletzte Wochenende, das von meiner Seite her dahingehend gewürdigt wurde, daß ich am Dia da Liberdade im Gottesdienst ein bißchen was auf der Trompete zum Besten gegeben habe. Das ist vor allem deshalb hervorzuheben, weil ich dachte, daß ich es beim "Prayer of St. Gregory" von Alan Hovhaness mit der Lautstärke ein bißchen übertrieben habe; jedenfalls haben sich größere Teile der anwesenden Kirchengemeinde während des Vortrags umgedreht um Blicke zur Empore zu werfen. Dies erweckte dann zuvor erwähnte Lautstärkebedenken, die aber überaus überraschend nach dem Gottesdienst zerstreut wurden. Beim nächsten Mal werde ich wohl Abstimmzettel verteilen, damit das Thema etwas anonymer behandelt werden kann. Das wäre bestimmt ein einmaliges Erlebnis, wenn ich von einem Assistenten beim zweigestrichenen b einen Schwarm Umfragebögen von der Empore werfen ließe. Ich denke, das werde ich bei nächster Gelegenheit in die Diskussion einbringen.

Im Vergleich zu diesen Erlebnissen sind meine Wochen an sich immer relativ ereignislos (solange man sich nicht für Bewegungsplanung interessiert, denn in dieser Beziehung waren sie in letzter Zeit überaus reichhaltig), so daß das nächste hervorzuhebende Ereignis erst am 1. Mai eintrat. An diesem Tage, die Nase sanft umschmeichelt von endlosen Rauchwolken gegrillter Sardinen (und die Ohren nicht ganz so sanft umschmeichelt vom Gesang der unermüdlich mit den Noten kämpfenden Karaoke-Nachbarin von gegenüber), machten wir uns mit Dieter zusammen auf den Weg nach São Pedro de Estoril zu Antje's WG, die dort schon wieder ihre Abschiedsparty gab. Besonders erwähnenswert ist neben den Bekanntschaften aus aller Herren Länder vor allem, daß sich trotz gefühlter Temperaturen um den Nullpunkt ein paar Leute in den Pool trauten. Da man ich in meinem Alter auf meine Gesundheit achten muß, hab ich das allerdings sein lassen. Was dann prompt abgestraft wurde am Sonntag beim Picknick am Praia de Mata, wo ich mir einen schönen Sonnenbrand eingehandelt habe.

So, und gestern war Muttertag, wo Melli quasi "im Vorhinein" nach dem Gottesdienst zwei weiße Rosen überreicht bekam. Der Parque de Fonte Iluminosa ist fast fertig und die häßliche Metrobaustelle endlich verschwunden, und von meinem Arbeitsplatz aus kann ich den Arbeitern zusehen, wie sein einen dunkelschwarzen Quader enthüllen, der aufrecht stehend das gesamte Tal überblickt und in mir das Verlangen erweckt, zu den Klängen von Richard Strauß' "Also sprach Zarathustra" mit Tierknochen in der Hand auf konkurrierende Wissenschaftler loszugehen. Was auch um einiges erträglicher wäre als die hochgelobten britischen Brassbands, von denen mir am Wochenende eine musikalische Auswahl geboten wurde. Dort wagen sich studierte Musiker (vor allem in der mehr als 150 Jahre alten Black Dyke Mills Band) and nahezu spährische Arrangements und Werke, nur um den Hörgenuß dann mit derart unerträglichen Vibrati niederzumachen, daß ich mich frage, ob eigentlich jemand vom europäischen Festland deren CDs kauft. Aus diesem Grund ist obiger Satz auch englisch.

Abschließend sei noch mein Loblied auf die portugiesische Bürokratie gesungen, dessen erste Strophe der Melodie dessen folgt, daß wir es tatsächlich innerhalb eines Vormittags geschafft haben, sowohl Melli hier im Rathaus als wohnhaft zu melden, als auch im Finanzamt ihre Steuernummer zu besorgen. Der Refrain ist in Moll, weil die Stipendienvergabestelle hier auf ihrer Webseite Formulare der Einwanderungsbehörde verlangt, die auf deren Webseite als nicht zulässig für EU-Bürger deklariert werden, und eine weitere Deadlock-Situation entstehen lassen.

Soweit das Neueste von meiner Seite. Viele Grüße aus dem Westen Europas, der nach einem kurzen und heftigen Sommer den Herbst eingeläutet hat und uns wieder Strickpullis und dicke Jacken abverlangt.

Euer Anderl

P.S.: Bananen sind hier einfach so drin. Jeder hat doch irgendwelche Zusätze, warum also nicht auch ich?