Portugal - Ein Land der Extreme

(gesendet am 10. March 2010)
Einen schönen und guten Mittwochmorgen allerseits!
Wieder einmal ist die Ausgabe von letzter Woche ausgefallen, und mittlerweile bekomme ich die Folgen der Schlamperei von einigen Fans ziemlich zu spüren, von denen die Aussagen mittlerweile ins Emotionale gehen. Von „vermissen“ ist da die Rede, und von „fehlen“. Da ich Euch alle als meist mittlerweile schon jahrelange Abonnenten sehr schätze, tut es mir natürlich um so mehr leid, daß ich Euch in letzter Zeit so unzuverlässig mit Informationen versorge. Dies soll sich selbstverständlich ändern, da ich nicht möchte, daß sich hier der gleiche Schludrian einschleicht wie (und ich greife hier wahllos und rein zufällig ein paar Beispiele aus der Luft) bei meiner Einschreibung an der Uni zum Beispiel, oder auch meinem letzten Paper.
Der aufgeweckte Heimatpost-Leser wird’s wissen: Der letzte Abgabetermin meiner Publikation für die IAV 2010 („Symposium on Intelligent Autonomous Vehicles“) liegt einen guten Monat zurück, aber Dank der verstrickten Beziehungen zwischen verschiedenen Profs und Organisatoren, die wechselseitig den Vorsitz der verschiedenen Konferenzen übernehmen, gibt es hier eine Art „Spezialvereinbarung“, unter der ich momentan zu leiden habe. Im Klartext heißt das: Weil unter der Hand der Abgabetermin wöchentlich verlängert wird, wartet selbiges Paper immer noch darauf, endlich den Segen zu bekommen, damit ich es endlich einreichen kann. Da helfen selbst die mittlerweile zweieinhalb Jahre Aufenthalt in Portugal nicht, um ruhig zu bleiben und zu entspannen.
Es gibt auch noch andere Faktoren, die es mir momentan schwer machen, das sonst so gewohnte bunt sprühende Feuerwerk an touristischen Höhepunkten in die Heimatpost zu packen. Zugegeben, nirgends ist das Leben perfekt, und angesichts einiger Telefonate, die ich letzter Woche mit gewissen Stellen der öffentlichen Verwaltung in München führen mußte, würden mir spontan auch genügend Schattenseiten eines Lebens dort einfallen. Aber darum soll es hier nicht gehen, denn was hier in Portugal wirklich auffallend ist, das ist der absolut herausragende technische Fortschritt auf der einen und die stümperhafte Behördenschlamperei auf der anderen Seite. Eigentlich ist „auffallend“ auch verkehrt gewählt; im Grunde genommen müßte ich hier schlicht „unverständlich“ schreiben.
Um das zu verstehen, muß man wissen, daß Portugal echt ein wahnsinnig tolles Land ist. Die Leute sind freundlich und offen, wobei hier allerdings eindeutig ein Qualitätsgefälle vom Land zur Großstadt zu verzeichnen ist. Trotzdem ist der durchschnittliche Lissaboner an und für sich ein umgängliches Wesen. Es gibt hier im Bankwesen Innovationen, von denen die vorgeblich weiter entwickelten mitteleuropäischen Länder nur träumen können (Stichwort „Multibanco“), und gleiches gilt für gewisse Dienstleistungen im Internet (z.B. die Möglichkeit, sämtliche Plastikkarten im Geldbeutel elektronisch im Mobiltelefon zu speichern und ausschließlich dieses zu benutzen), das Kabelfernsehen oder Verkehrsleitsysteme, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
So. Und auf der anderen Seite haben wir hier Situationen wie die Folgende: Ich bestelle etwas über Amazon. Das Paket kommt an, keiner ist zu Hause, Melli geht auf das für unseren Bezirk zuständige Postamt und holt es ab, wobei mit dem Angestellten angenehm geplaudert wird. Nächstes Paket: Wieder ist keiner zu Hause; der Postler gibt das Paket ohne Notiz im Briefkasten beim Nachbarn ab. Übernächstes Paket: Erneut ist keiner zu Hause. Melli geht in das für unseren Bezirk zuständige Postamt, wo ihr gesagt wird, die Sendung wäre nicht dort, sondern auf einem anderen Postamt. Sie geht dort hin und wird wieder nach Hause geschickt, weil sie meinen Reisepaß nicht dabei hat. Sie kommt wieder mit dem Reisepaß, und wird wieder nach Hause geschickt, weil diesmal meine Unterschrift auf dem Abholschein fehlt. Am nächsten Tag gehe ich hin und zeige meinen Personalausweis vor, woraufhin ich gefragt werde, ob ich keinen Reisepaß hätte. Ich sage nein, und die Dame fragt mich (alles auf Portugiesisch natürlich), ob ich wirklich keinen habe, oder ob ich ihn nur nicht mitgebracht habe. Und da platzt mir der Kragen und ich halte der Dame einen Vortrag darüber, daß wir im Schengenraum sind und ich mit meinem Personalausweis alles machen kann was ich will in Portugal. Widerstrebend gibt sie mir mein Paket und ich schwöre mir, in Zukunft alles ans Institut schicken zu lassen, da der Pförtner die Erlaubnis hat, alles entgegenzunehmen.
Anderes Beispiel: Ich benötige eine Kopie meines leider unauffindbaren Gehaltszettels für März 2009. (Okay, den nicht mehr zu finden kann durchaus auch mein Problem sein. Ich sage nicht, daß ich ihn nicht erhalten hätte. Obwohl meine Neigung, mir selbst diesen Fehler zuzuschreiben, in den vergangenen beiden Wochen sehr stark gesunken ist.) Die Gehaltszettel werden seit Januar 2010 per eMail verschickt; es handelt sich um automatisch erzeugte PDF-Dateien. Zuvor waren es per interner Post versandte Ausdrucke derselben. Ich schreibe also eine höfliche eMail, in der ich mich für den Verlust entschuldige, und um eine Ersatzkopie bitte. In der Erwartung dessen, daß die beiden Mausklicks, die zur Erzeugung des Dokuments nötig sind, sicherlich nicht mehr als drei Tage benötigt werden, schreibe ich nach Ablauf dieser Frist eine weitere eMail. Nach dem Wochenende noch eine, in der ich darauf eingehe, daß ich verstehe, daß aufgrund des Streiks am Freitag zuvor, wohl viel Arbeit liegenblieb, ich aber diesen Zettel (und mittlerweile auch meine Jahresabrechnung für 2009, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Professoren hier erhalten haben) wirklich benötige. Ich erhalte sofort die Jahresabrechnung, vom anderen Zettel nach wie vor keine Spur. Es folgt eine weitere eMail zwei Tage später, und wieder keine Antwort. Als ich in der fünften eMail anfange, zu erklären, wieviele eMails bereits unbeantwortet dort eingingen, und ich selbige mit einer Lesebestätigungsanfrage versehe, dauert es keine zwei Minuten, und ich habe mein tatsächlich nur mit zwei Mausklicks erzeugtes Formular.
Ein drittes Beispiel, nur um den Punkt wirklich klar zu machen: Diesmal handelt es sich um etwas, das mir Gott sei Dank erspart bleibt. Meine Kollegen, die nicht aus dem Schengenraum kommen, zum Beispiel Indien, dem Iran oder der Türkei, benötigen nicht einfach nur die Residéncia, sondern ein kleines Plastikkärtchen, das im Schengenraum als Ausweisersatz dient und Reisefreiheit garantiert. Die Ausstellung dieses Kärtchens benötigt offiziellen Angaben zufolge einen guten Monat. Beim ersten Besuch trifft man auf Person A, die die Formulare X und Y verlangt und außerdem eine Kopie des Dokuments Z. Zwei Tage später, nachdem die nötigten Unterlagen beschafft wurden, trifft man im Amt auf Person B, die wortwörtlich sagt, daß sie noch nie von einem Gesetz gehört hätte, das die Dokumente X, Y und Z in dieser Kombination für diesen Zweck kombiniert benötigen würde, und verlangt nun eine Kopie der Dokumente V und W, wobei auf das Formular Y verzichtet werden kann. Eine Woche darauf sind die Dokumente von der Botschaft beschafft, und man trifft im Amt wieder auf Person A, die sich nicht daran erinnern kann, jemals X und Z verlangt zu haben, aber den Antrag aufgrund der Dokumente V, W und Y annimmt, wobei man noch ein Kopfschütteln erntet, weil man Formular U nicht ausgefüllt hat, was aber unter stummem Protest von Person A selbst übernommen wird. Kennt Ihr Euch noch aus? Nein? Dann geht’s Euch genauso wie Vahid und Pramod zum Beispiel, die mittlerweile mit riesigen Papierstapeln zur Verlängerung dieser Plastikkarte antreten, um vorsorglich wirklich alles dabeizuhaben. Aber es kommt noch besser: Nachdem sechs Wochen des angekündigten vierwöchigen Ausstellungszeitraums verstrichen sind, steht ein Flug nach Spanien an, der aber nur mit diesem Schengenausweis angetreten werden kann. Mehrere Besuche auf dem Amt zeigen keinen Erfolg; erst als sich Pramod ein Herz faßt und sich morgens um acht dort breit macht in der festen Absicht, erst zu gehen, wenn er mit der Amtsleiterin sprechen konnte, kommt der ganze Apparat in Bewegung. Denn nach sechs (!) Stunden Wartezeit erscheint die Dame endlich und leitet per Telefonat eine Expreßausstellung in die Wege. Das Dokument ist 24 Stunden später fertig.
Oh, weil ich gerade so in Fahrt bin, zum Abschluß noch ein Beispiel aus meinem täglichen Leben an der Uni: Vor jeder Reise muß man hier Formulare ausfüllen, einschließlich eines Entschuldigungsschreibens, falls die vierwöchige Frist nicht eingehalten wird. (Was Fristen angeht, die eine Bringschuld auf der Kundenseite betreffen, sind sie hier extrem hart.) Vor der letztjährigen Oceans-Konferenz in Bremen habe ich das, wie üblich, gemacht. Was außerdem verlangt wird, ist eine Einladung, die aber durch ein ausgedrucktes Konferenzprogramm mit meinem Namen drauf ersetzt werden kann. Der Dame in der Personalverwaltung hat das aber nicht genügt; darüber hinaus mußte ich das Formular erneut ausdrucken, weil das Logo vom IST oben abgeschnitten war. Um die Probe aufs Exempel zu machen, habe ich ihr sämtliche Dokumente ausgedruckt, die ich von dieser Konferenz zur Verfügung hatte, einschließlich der Webseite und ein paar deutschsprachigen eMails einer Korrespondenz zwischen mir und dem Organisator. Mit den deutschen eMails oben auf dem ganzen Katalog (die Dame kann noch nicht mal Englisch) bin ich wieder dort aufgekreuzt. Und was ist passiert? Sie hat sich nicht mal den Wust an Informationen angeschaut. Der Antrag wurde aufgrund der Dicke des Papierstapels für gültig befunden und mit einem anerkennenden Nicken akzeptiert.
Das ist es, was ich nicht verstehe: Wie dieses Land in manchen Dingen um so viel weiter sein kann als Deutschland, in anderen aber so extrem kleinbürgerlich, spießig und ineffizient ist, daß es Tage gibt, an denen mein Blutdruck konstant Werte jenseits von Gut und Böse annimmt.
Na gut. Um das Ganze positiv abzuschließen: Ich hatte letzte Woche ein paar miserable Tage, was meine Forschung angeht (und das ist auch der Grund, warum ich keine Heimatpost geschrieben habe), aber gegen Ende der Woche konnte ich „exzellente“ Ergebnisse vorweisen. Und das steht in Anführungszeichen, weil mir das sowohl mein Doktorvater als auch mein zweiter Betreuer gesagt haben, was natürlich schon was wert ist. Seither bin ich wieder in regem Austausch mit den Leuten aus Monterey [ http://www.informagic.org/Modules/Newsletters/ShowNewsletter.aspx?ID=91 ], was ebenfalls gut ist. Dann war das Wochenende trotz des angekündigten Regens und der seit Wochen üblichen 4 Grad Celsius überraschend sonnig und angenehm, was wir zum Anlaß nahmen, endlich mal wieder rauszukommen aus der Stadt, und einen Nachmittag am Strand spazieren zu gehen. Und die Unterlagen für meine Steuererklärung sind auch alle schon sortiert, so daß ich das alles heute abend nur noch ins Internet tippen muß und 20 Tage später mein Geld haben sollte. (Hinweis: Das ist eine weitere von den Innovationen, die in Portugal viel, viel besser funktionieren als in Deutschland – vermutlich deshalb, weil man damit quasi selbst die Arbeit der hiesigen Finanzbehörde übernimmt. Andererseits wäre es mit einiger Wahrscheinlichkeit eine weitere Erfahrung der Kategorie „viel, viel schlechter“.)
Portugal – ein Land der Extreme! Und das ist nicht nur auf die Landschaft bezogen!
Alles Liebe und eine schöne Woche Euch allen,
Euer Anderl
P.S.: Der Link zu Mellis PowerPoint-Präsentation in der letzten Ausgabe war verkehrt. Ihr findet die Präsentation unter [ http://www.informagic.org/Modules/Articles/ShowArticle.aspx?ID=54 ] zum Herunterladen.