Sogenannter Urlaub

(gesendet am 23. February 2010)

Guten Abend zusammen,

trotzdem daß mir schon die Augen zufallen, glaube ich, es ist besser, wenn ich Euch wenigstens einen kurzen Statusbericht zukommen lasse. Vor allem, weil einige von Euch uns beide gestern abend schon im Fernsehen gesehen haben. Also: Uns geht es gut; wir sind gesund und das Einzige, mit dem wir momentan fertig werden müssen, ist die Angst, die uns immer noch in den Knochen steckt.

Die meisten von Euch haben das ja mitbekommen: Am Samstag hat es in Madeira ein Fünftel der normalerweise üblichen Jahresmenge innerhalb weniger Stunden heruntergeregnet. Wir hätten ja eingentlich an diesem Tag zurückfliegen sollen, aber die Fahrt zum Flughafen wurde zum Fürchterlichsten, was wir beide jemals erlebt haben. Wir sind morgens gegen halb zehn von São Vicente aufgebrochen Richtung Ribeira Brava; sind aber dadurch in der Mitte von dem ganzen Chaos steckengeblieben. Wir hatten ein Mordsglück, denn sonst gäb es uns jetzt nicht mehr. Auf der Fahrt ins Tal sind wir über die ersten Schlammspuren auf der Straße drüber und kurz darauf ging es nicht mehr weiter, weil eine Geröllawine die Straße blockierte. Erst haben wir uns überlegt, da zu warten, aber als Melli sagte, daß das Wasser auf ihrer Seite immer mehr steigt und dann noch jemand von einem anderen Auto meinte, wir könnten zurückfahren und es im Norden probieren, sind wir halt umgekehrt. Zweihundert Meter sind wir gekommen, bis und jemand anders hektisch von der Autobahn gewinkt hat, weil dort die Straße schon nicht mehr existierte. Und ein paar Minuten später war dann die, auf der wir warten wollten, auch weg. Was wir anschließend an Zerstörung mitbekommen haben, reicht für ein Leben. Wir haben ungefähr eine Stunde im Auto gewartet, und um ehrlich zu sein, dachte ich, daß wir nur abwarten müßten, bis weniger Wasser die Straße runterläuft, bis wir wieder weiterkönnen. Dann hat es gerumpelt wie bei einem Gewitter, und riesige Felsblöcke kamen die Straße runter.

Die Anwohner haben uns aufgenommen und mit warmem Essen und Getränken versorgt (Gott sei Dank kochen sie dort mit Gaskartuschen, denn die Stromversorgung und Kommunikation gab es nicht mehr), und die Nacht im Auto war auch erträglich. Erst am nächsten Tag ohne den Regen haben wir dann so richtig gesehen, was alles um uns herum zerstört wurde. Ein Bagger lag gegenüber mitten im Schlamm; einer der Felsblöcke steckte mitten in einem völlig zerquetschten Auto und ein Pickup war sprichwörtlich um das Heck einens größeren Lastwagens gewickelt. Wir sind erst ins Dorf hinunter, kamen aber nur zweihundert Meter weit -- danach existierte ein Teil des Dorfes einfach nicht mehr. Die Autobahn, auf der wir warten wollten, war auf schätzungsweise fünfhundert Metern bergab nicht mehr vorhanden; bergauf war anstelle der Autobahn zwar kein Fluß mehr, aber eine einzige Geröllhalde.

Gott sei Dank trafen wir dort eine Ärztin, die mit uns und noch ein paar anderen in Serra de Água feststeckte und deren Mann am nächsten morgen über das Geröll marschiert kam, um sie zu holen. Er hatte das Auto im passierbaren oberen Bereich geparkt und uns dann bis zu unserem Autoverleih in Funchal mitgenommen. So richtig zu Zittern begonnen haben wir erst nach dem Fernsehinterview am Flughafen, wo wir Zeit hatten, uns über das Erlebte klarzuwerden. Melli hat Euch eine PowerPoint-Präsentation gebastelt, die Ihr auf meiner Webseite unter [ http://www.informagic.org/Uploads/blomel/Madeira_2010.pptx ] findet.

Außerdem, das muß ich wirklich sagen, haben wir den dümmsten Piloten bekommen in unserem Rückflug, den die TAP zu bieten hat; falls einer von Euch Verbindungen hat: Es war der Flug TP1632 mit der TAP am 21. Februar 2010 um 17:30 Uhr. Der Vollidiot hat noch mitten im Abflug, wo das Flugzeug noch im sogenannten "Ground Effect"-Bereich ist, eine 270°-Kurve begonnen, so daß das Ding gerade nicht abgestürzt ist. Er hat das Flugzeug um fast 90° gerollt; ich wußte bisher nicht, daß das mit einem Airbus überhaupt möglich ist. In den letzten zweieinhalb Jahren bin ich bestimmt 50 Mal geflogen, aber sowas hab ich noch nicht erlebt. Das Mädl neben uns fing zu weinen an, ein paar Kinder mußten sich übergeben, und weil das noch nicht reichte, hat er das Flugzeug auch noch kurz vor Lissabon so von der Reiseflughöhe runtergepreßt, daß wir dachten, der rammt das gleich in den Boden. Wenn jemand diesen Deppen kennt, dürft Ihr ihn gerne an mich verweisen.

Damit Ihr aber auch die schönen Seiten kennenlernt, lade ich Euch ein paar Fotos ins Internet [ http://www.informagic.org/Modules/Articles/ShowArticle.aspx?ID=53 ]. Die Leute auf Madeira sind unglaublich nett, und das nicht nur, wenn man in Not steckt. Sie freuen sich, wenn man versucht, auf Portugiesisch mit ihnen zu reden und werden nicht ungeduldig, wie doch so einige in Lissabon. Und wenn man dann doch mal auf Englisch ausweichen muß, sprechen sie ein geradezu unheimlich gepflegtes British English, wie ich es sonst nur von Malta kenne. Ricardo, ein Naturparkangestellter, der mit uns in den Bergen eingeschlossen war, hat gesagt, wir sollen unbedingt wiederkommen, damit er uns die schönen Seiten von Madeira zeigen kann, denn von den drei Tagen vorher hat es an den ersten beiden geregnet und am dritten gab es zwar Sonne, aber dafür sind wir bei unserem Ausflug zum Pico Areeiro im Nebel durch Schnee gestapft, nur um festzustellen, daß der Gipfel eine Baustelle für eine militärische Radaranlage ist.

Soviel dazu; ich werd jetzt tun, was meine Melli schon seit mehr als einer Stunde macht, nämlich schlafen gehen. Liebe Grüße und Danke für all Eure Anrufe, eMails und Gebete,

Euer Anderl