Ausnahme-Spezial-Ausgabe

(gesendet am 16. February 2010)
Einen schönen narrischen (oder schön narrischen) Nachmittag beeinander!
Jetzt, wo viele von Euch zum Skifahren aufbrechen (oder auch zurückkehren), sich mit Schneemannbauen oder vergnügen oder dem Herumrutschen auf den nicht ganz so eisfreien Straßen, habe ich endlich wieder Zeit, die seit drei Wochen auf Eis liegende Heimatpost-Schreiberei wieder aufzunehmen. Meine beiden Profs sind in Paris, wo sie den wißbegierigen Massen alles über Cooperative Control beibringen, mein letztes Paper ist so weit fertig, und außerdem ist der Faschingsdienstag für die öffentlich Angestellten in Portugal ein Feiertag. Den kumulativen Effekt dieser Ereignisse haben ja einige von Euch schon daran zu spüren bekommen, daß plötzlich überfällige Antworten auf eine Vielzahl von eMails eintrudelten, und nun gibt’s eben auch die hoffentlich von Euch schon vermißte Aktualisierung unseres auslandsdeutschen Erfahrungsberichtes. Und wenn Ihr die nicht vermißt habt, kann ich Euch auch nicht helfen.
In der letzten Ausgabe war die Rede vom Kinogehen, und es fühlt sich so an, als ob seither schon Ewigkeiten vergangen wären, weil so viel los war. Nicht nur in technischer Hinsicht. Was das angeht, bin ich aber jetzt doch ganz gut dabei, denn wie gesagt ist erstens das damals angesprochene Paper bis auf diverse zu erwartende Korrekturarbeiten von seiten meiner Profs fertig, und zweitens habe ich auch schon wieder genug Material für ein weiteres. Das Schwierigste bei der ganzen Sache ist es, die Entscheidung für diese oder jene Konferenz nicht völlig davon abhängig zu machen, wo sie stattfindet. Was im Grunde genommen auch schon wieder völlig egal ist, denn ob ich jetzt nach Taipeh fliege oder doch lieber nach Waikiki, ist, was die Exklusivität des Tagungsortes angeht, völlig wurscht, und Euch wird es so oder so einmal mehr die Blässe ins Gesicht treiben ob meiner zahllosen Reisen, also ist es doppelt wurscht.
Hier ist es wettermäßig grad so greislig, daß ich mir eigentlich eher noch Schnee wünschen tät als den drei Grad kalten Regen, der uns hier waagrecht an die Jeans klatscht. Aber das betrifft nicht die ganzen letzten Wochen, denn anfangs hat es eher danach ausgesehen, als ob der Winter schon vorbei wäre. Das vorletzte Januarwochenende waren wir nämlich schon am Strand , zuerst an der Costa da Caparica, wo ich Melli nach einem meiner Arbeitssamstage abgeholt habe, und dann noch am Praia das Maçãs. Zugegeben, das Wetter war zum Baden ungeeignet, und am Praia das Maçãs haben wir sogar unser Mittagessen lieber im Auto verzehrt. Schön waren die Ausflüge aber trotzdem, und wer’s angesichts der sicherlich meterhohen Schneewehen verkraftet, sich unsere Fotos anzusehen, kann das gerne machen. [ http://www.informagic.org/Modules/Articles/ShowArticle.aspx?ID=51 ]
Die darauffolgende Woche lief dann auch entsprechend gut dank der ganzen Seeluft in der Lunge. Die uns im Übrigen auch über das Wochenende hinweggeholfen hat, das wir eher in häuslicher Umgebung verbrachten: Melli mußte für ihre Statistikprüfung lernen, unterbrochen von einem Ausflug zur anderen Flußseite, wo ein paar Freundinnen vom Sprachkurs ein Abendessen organisiert hatten.  Das erneute Strohwitwerdasein wurde mir aber entsprechend versüßt, da Pramod wieder aufgekocht und einen Haufen Leute eingeladen hatte.
Mit gut gefülltem Magen ging’s dann in die Fremde, genauer gesagt nach Craiova (das liegt in Transylvanien). Einmal mehr eines meiner geliebten (hier bitte einen Seufzer vorstellen) Projekttreffen, das sich allerdings dadurch hervorhob, daß die Cocktails besonders billig waren. Ansonsten ist das Bild, das ich dort gewonnen habe (und das betrifft die Besprechung und das Land zu gleichen Teilen) eher abschreckend. Augenscheinlich verdient sich der durchschnittliche rumänische Taxifahrer (jedenfalls in Craiova) ein Zubrot mit dem Verschachern von waagrechten Dienstleistungen, und die globale Wahrheit meiner Erfahrungen dort ist, daß man sogar mit großzügigen Trinkgeldern nicht erwarten kann, nicht nach Strich und Faden ausgenommen zu werden. (Gut, Letzteres ist verständlich, denn die Plastik-Geldscheine, die sie dort haben, haben wirklich enorme Anziehungskraft, auch dank des fälschungserschwerenden Sichtfensters.) Interessant war auch die letzte Etappe der Anreise (ganze 16 Stunden dauerte der Spaß): Die Landebahn zehn Zentimeter hoch mit Schnee bedeckt und unbeleuchtet, dazu eine winzige Propellermaschine und anstelle des Räumkommandos, das den Schnee in letzter Minute noch ein bißchen hätte wegräumen können (denn wirklich geschneit hat es ja nicht), saßen für den Fall einer Crashlandung die Besatzungen zweier Feuerwehr-Einsatzwagen schon in ihren Fahrzeugen. Damit der ganze Erlebnisbericht aber nicht nur negativ klingt, sei angemerkt, daß rührend dafür Sorge getragen wurde, uns von Vampirbissen zu verschonen, indem für unsere Mittag- und Abendessen die jährliche Knoblauchernte eines beliebigen osteuropäischen Kleinstaates verkocht wurde.
Auf solche Weise gestärkt war dann auch der darauffolgende Samstag kein Problem mehr, an dem die von Melli und anderen schon begonnene Putzarbeit im Casa Sol zu Ende führten. Hierbei handelt es sich um ein Heim für HIV-Infizierte Kinder ganz in der Nähe von Mellis Uni. Diese Kinder müssen dort unter ziemlich abschreckenden Bedingungen hausen, denn das Personal ist viel zu wenig, und mit Kochen, Waschen und Bügeln so sehr beschäftigt, daß das Putzen eben nur rudimentär ausfällt. Im Grunde genommen gehörte die komplette Einrichtung ersetzt und das Haus generalsaniert, vor allem angesichts dessen, daß die Kinder dort wegen ihrer Krankheit ohnehin nur ein eingeschränktes Immunsystem haben. Zumindest konnten wir aber den Schimmel von Wänden und Decke entfernen, und damit beziehe ich mich auf wirklich schwarze Wände in sich in Benutzung befindenden Räumen. Dank des chlorhaltigen Putzmittels als auch des fortwährenden Schimmelgeruchs sind wir auch beide dann um sieben schon ins Bett gesunken und erst vierzehn Stunden später wieder aufgewacht. Tags darauf haben wir dann die Antje kennengelernt, die sich hier drei Monate lang soziale Arbeit in Portugal ansehen möchte, und sie gleich mit den wichtigsten Leuten bekanntgemacht. Und im Kino waren wir auch.
Zum Ausgleich hat sich dann in der Woche drauf meine Melli mal wieder als absolutes Wunder erwiesen, da es nämlich ein Mittagessen bei uns daheim gab (und nicht wie sonst in der Doktorandenmensa). Der Tag (und die vorhergehende Woche) war gerettet, als sie John, David, Ricardo, Nelson, Naveen, Pramod (der sich als Hindu auf die Beilagen beschränkte) und mir einen phantastischen Schweinsbraten mit zweierlei Knödl und Sauerkraut auftischte, von allen Seiten über alles gelobt, und ergänzt von ein paar Flaschen dunklem Franziskaner, das Ricardo extra aus Almada herüberschleppt hatte.
Und am vergangenen Valentinstag hat es uns nach unserem ersten Besuch eines portugiesischen Gottesdienstes ins Museo Nacional do Azulejo verschlagen, wo wir über eine der größten Spezialitäten Portugals aufgeklärt wurden, nämlich die Kachel. In diesem Fall sagen Bilder mehr als viele Worte, weshalb ich den geneigten Leser einmal mehr auf meine Webseite verweisen möchte. [ http://www.informagic.org/Modules/Articles/ShowArticle.aspx?ID=52 ]
So, und das war’s wieder mit dieser etwas längeren Ausgabe der Heimatpost. Gerade sind wir fertig geworden mit dem Mittagessen, das wir Alessandro, Arianna, Pramod, Naveen und Aziz auftischten, und das aus von Vanillesoße begleiteten Rohrnudeln bestand, und nächste Woche erfahrt Ihr, wie es uns auf Madeira erging, wohin wir morgen in aller Frühe zu einem Kurzurlaub aufbrechen werden. Und vergeßt nicht: Auch wenn das hier wie ein immerwährender Urlaub klingt, tut es das nur deshalb, weil ich geflissentlich die weniger umwerfenden Ereignisse weglasse. In Wahrheit ist es hier halt eben doch nur ein normales Leben. Aber auf Portugiesisch halt.
Recht liebe Grüße,
Euer Anderl